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Vorlesung zu Rassismen und antirassistischen Kämpfen in Österreich an der Universität Wien

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Das Masterstudium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien ist bekannt für seine kritischen Ringvorlesungen, welche Studierende selbst auf die Beine stellen. Im Wintersemester wird wöchentlich die studentisch organisierte Ringvorlesung mit dem Titel „Rassismen und antirassistische Kämpfe in Österreich“ angeboten. Die Lehrveranstaltung wurde laut der Veranstalter*innen aus der Motivation heraus geschaffen, sich mit antirassistischen Kämpfen in Österreich zu solidarisieren und antirassistischen Diskursen an der Universität mehr Raum zu geben.

Jeden Dienstagabend zwischen 18.30 Uhr und 20 Uhr findet die Ringvorlesung online via Zoom statt. Die Lehrveranstaltung wird zwar von den Studierenden organisiert, doch die unterschiedlichen Einheiten werden zum Großteil von den eingeladenen Gäst*innen gestaltet. Jede Woche kommen unterschiedliche Stimmen aus der antirassistischen Arbeit in Österreich zu Wort, die von ihren Erfahrungen berichten und gemeinsam mit den Hörer*innen antirassistische Diskurse und Praktiken anstoßen.

Vergangene Woche Black Voices Volksbegehren zu Gast

In der letzten Einheit waren Noomi Anyanwu und Melanie Kandlbauer vom Black Voices Volksbegehren zu Gast. Die Einheit fand im Stil eines Workshops statt. Circa 50 interessierte Hörer*innen waren über Zoom zugeschaltet.

Zu Beginn der Einheit stellten die beiden Gästinnen zunächst die zentralen Anliegen des Volksbegehrens vor. Das Black Voices Volksbegehren gründete sich nach den Black-Lives Matter Demonstrationen vergangenes Jahr, bei welchen über 100 000 Menschen in Österreich auf die Straßen gingen. Die Sprecherin des Volksbegehrens, Noomi Anyanwu, beschreibt die BLM-Demonstrationen als eine Art Momentum. Diese hätten viel mehr abgebildet als nur Proteste gegen Polizeigewalt. Die landesweiten Demonstrationen hätten gezeigt, dass es in einem so konservativen Land wie Österreich durchaus viele Menschen gäbe, die strukturellen Rassismus bekämpfen wollen.

Das Black Voices Volksbegehren bildet das erste Anti-Rassismus Volksbegehren in Österreich. Melanie Kandlbauer erläutert, dass der Name jedoch nicht bedeute, dass nur Anti-Schwarzer Rassismus mit dem Volksbegehren bekämpft werden solle. Viel mehr würde das Volksbegehren einen Ort für alle Menschen bilden, denen immer gesagt wurde, dass sie in der österreichischen Gesellschaft nicht dazu gehörten. Zudem richte sich das Volksbegehren logischerweise auch an alle weißen Verbündeten, die gegen diese Missstände ankämpften. Das Volksbegehren sei eng mit den Communities und verschiedenen Vereinen in Österreich vernetzt.

Nationaler Aktionsplan zentrale Forderung

Die Ausarbeitung eines nationalen Aktionsplans gegen Rassismus bildet eines der zentralen Anliegen des Black Voices Volksbegehrens. Dieser müsse ein umfassendes Paket aus gesellschaftlichen und politischen Maßnahmen beinhalten, um Rassismus in der Gesellschaft effektiv zu bekämpfen.

Die Ausarbeitung des geplanten Aktionsplans umfasst sechs Bereiche: Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Öffentlichkeit und Repräsentation, Polizei sowie Flucht und Migration.

Im Bereich Bildung stehe Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung für Rassismus sowie die Reflexion von Privilegien im Fokus. Kandlbauer erläutert, dass Lehrer*innen zunächst eigene Rassismen verlernen müssten, bevor sie das Thema ihren Schüler*innen nahebringen könnten. Daher sollten auch externe Expert*innen an Schulen herangezogen werden – etwa durch Anti-Rassismus-Workshops.  

Insbesondere die Bereiche Öffentlichkeit und Repräsentation sind ein zentrales Anliegen des Volksbegehrens. So fordern die Begründer*innen, dass das Wahlrecht an den Hauptwohnsitz gebunden werde. Viele Black, Indigenous and People of Colour (BIPoCs) hätten in Österreich kein Wahlrecht. Dies habe zur Folge, dass viele BIPoCs nicht für den Nationalrat oder andere politischen Ämter kandidieren können und daher unterrepräsentiert seien.

Wahlrecht soll an Wohndauer und nicht Staatsangehörigkeit gebunden werden

Um die Problematik des Wahlrechtes zu verdeutlichen, zeigt Noomi Anyanwu den Hörer*innen zwei Diagramme, die illustrieren, dass circa 30% der Einwohner*innen Wiens bei den Gemeinderats- und Landtagswahlen 2020 nicht wahlberechtigt waren. Denn das Wahlrecht ist an die österreichische Staatsangehörigkeit gekoppelt. Das Volksbegehren fordert daher, dass das aktive und passive Wahlrecht auf allen politischen Ebenen ab einer gemeldeten Wohndauer von fünf Jahren in Österreich garantiert werden müsse.

Straßen- und Markennamen umbenennen!

Neben dem Wahlrecht richtet sich eine weitere Forderung im Bereich Öffentlichkeit- und Repräsentation auf die Umbenennung von rassistischen Straßen- und Markennamen.

Noomi Anyanwu präsentiert hierzu ein Video der Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JOEH), die vergangene Woche zahlreiche Straßennamen von Antisemiten und Nazis in Wien überklebt hatten. Dies sei ein Beispiel für eine konkrete Aktion, wie mensch in Österreich aktiv werden kann und sich Rassismus entgegenstellen könne, erklärt Anyanwu.

Operation Spring & Operation Luxor

Die Forderungen in Bezug auf die Polizei in Österreich werden von Anyanwu mit einem Video zur sogenannten ‚Operation Luxor‘ untermauert.

Nach den Terroranschlägen in Wien vom 2. November 2020 setzte das Innenministerium die aufwendigste Aktion in der Geschichte des Verfassungsschutzes ein: die ‚Operation Luxor‘. Am 9. November 2020 wurden in vier österreichischen Bundesländern gleichzeitig 60 Razzien durchgeführt, heißt es in dem Video. Über 930 Einsatzkräfte hätten in den frühen Morgenstunden private Wohnungen – oftmals von Familien – gestürmt. Ahmed Naif vom Verein Muslimische Jugend in Österreich schildert in dem Video, dass die offizielle Begründung für die ‚Operation Luxor‘ gelautet habe, dass man gegen die Muslimbruderschaft vorgehen wolle. Tatsächlich erfolgten in jener Nacht jedoch keine Verhaftungen. Bis heute blieben alle Ermittlungen gegen die Beschuldigten ergebnislos und die Verfahren wurden fallen gelassen. Das Vorgehen der Polizei – insbesondere gegenüber Kindern – wird als brutal und traumatisierend kritisiert.

Noomi Anyanwu erkennt in der ‚Operation Luxor‘ traurige Parallelen zur ‚Operation Spring‘ aus dem Jahr 1999. Nachdem Marcus Omofuma von der Polizei getötet wurde, hatte österreichweit die Schwarze Community protestiert. Im Rahmen der ‚Operation Spring‘ stürmten damals 850 Einsatzkräfte die Wohnungen von Afrikaner*innen sowie Flüchtlingsheime in ganz Österreich. Die Folgen seien willkürliche Verhaftungen von Afrikaner*innen sowie umstrittene Gerichtsverfahren mit zahlreichen Verfahrensfehlern gewesen. Schließlich hätten österreichische Medien Schwarze Menschen als Drogendealer diffamiert, erläutert Anyanwu.

Youtube Video zur ‘Operation Luxor’ und ‘Operation Spring’, das in der Vorlesung gezeigt wurde

Die Initiator*innen des Volksbegehrens fordern daher eine unabhängige Kontroll- und Beschwerdestelle gegen polizeiliches Fehlverhalten – außerhalb des Bundesministeriums für Inneres. Auch die Einrichtung eines psychosozialen Dienstes von und für BIPoCs bei Fällen von rassistischer Polizeigewalt gehört zu den Forderungen des Black Voices Volksbegehrens.

Die ausführlichen Forderungen der sechs Bereiche, die in einen nationalen Aktionsplan münden sollen, können hier nachgelesen werden.

Antirassistische Arbeitsgruppen und Workshops an Universitäten

Gegen Ende der Vorlesung richteten die beiden Gästinnen vom Black Voices Volksbegehren Fragen an das Publikum. Überthema bildete Rassismus im Bildungssystem.

So werden die Hörer*innen gefragt, wie viele Lehrende in ihrer Schul- und Universitätslaufbahn BIPoCs gewesen seien. Traurigerweise – aber wenig überraschend – bewegen sich die Antworten der Zuhörer*innen zwischen null und drei.

Anschließend wird die Frage in den (virtuellen) Raum geworfen, was jede*r einzelne gegen Rassismus im Bildungssystem – speziell an der Universität – unternehmen könne. Noomi Anyanwu weist darauf hin, dass es am Institut für Afrikawissenschaften eine Arbeitsgruppe gegen Rassismus gäbe und zudem seit einigen Monaten BIPoC-Treffen für Studierende der Afrikawissenschaft organisiert würden.

Dies ließe sich selbstverständlich auch auf andere Institute übertragen – auch wenn das Feedback vom Großteil der Studierenden lautet, dass am eigenen Institut bisher noch reichlich wenig im Bereich Anti-Rassismus angeboten werde.

Anyanwu und Kandlbauer raten den Hörer*innen dazu, sich in Arbeitsgruppen zu vernetzen, antirassistische Treffen zu organisieren oder dem eigenen Institut Anti-Rassismus-Workshops vorzuschlagen.

Antirassistische Organisationen im Bildungswesen

Organisationen, die für mehr Diversität an Hochschulen kämpften, seien unter anderem die Jüdische Hochschüler*innenschaft (JÖH) und die Hochschüler*innenschaft österreichischer Roma und Romnja (HÖR). Auch an die Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IDB) könnten sich Studierende immer wenden. Diese sammelt rassistische Vorfälle und veröffentlicht jährlich einen Bericht.

Lehrveranstaltungen wie die studentisch organisierte Ringvorlesung „Rassismen und antirassistische Kämpfe in Österreich“ bilden einen wichtigen Schritt, um antirassistische Diskurse und Praktiken an Hochschulen in Österreich ins Rollen zu bringen. Löblich ist zudem, dass die Einheiten nicht von weißem Lehrpersonal der Universität gestaltet werden, sondern von BIPoC-Aktivist*innen. Dies ermöglicht, dass ihren Forderungen und Erfahrungen in der antirassistischen Arbeit eine Stimme verliehen wird.

Ausblick für die nächsten Vorlesungen & Link zum Nachhören

Folgende Gäst*innen sind in den nächsten Vorlesungen zu Gast:

Dienstag 16.11: Danijela Cicvarić (Romano Centro)
Dienstag 23.11: Dokustelle für Islamfeindlichkeit & antimuslimischen Rassismus
Dienstag 30.11: LEFÖ
Dienstag 07.12: Daniela Paredes Grijalva
Dienstag 14.12: Katharina Kulesza, Sonia Zaafrani (Initiative für diskriminierungsfreie Bildung)
Dienstag 11.01: Podiumsdiskussion (Mireille Ngosso, kültüř gemma, Afro Rainbow)
Dienstag 18.01: Parissima Taheri, Farah Saad (Wir sind auch Wien)
Dienstag 25.01: Amadou-Lamine Sarr

Hier können sich Studierende der Universität Wien für die Vorlesung anmelden.

Die Vorlesungen können zudem für Nicht-Studierende auf dem Youtube Kanal der Ringvorlesung nachgehört werden.

Flyer zur Vorlesung

Die in diesem Artikel verwendeten Flyer wurden von den Organisator*innen der Ringvorlesung zur Verfügung gestellt.

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