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Mittlerin in Herrschaftsangelegenheiten

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Foto: Traditionelle Häuser in Dorze [1]

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Günther Lanier, Ouagadougou 4.5.2022[2]

* * *

Etwa 350 km südsüdwestlich von Addis Abeba, in den Bergen westlich des ostafrikanischen Grabenbruchs gelegen, war das Gamo-Hochland abgeschieden genug, um sich lange relativer Selbständigkeit zu erfreuen. Doch Ende des 19. Jahrhunderts war damit Schluss – da wurde die Autonomie Opfer der Expansion des “äthiopischen Reiches“ Meneliks II. 1897 endete, was traditionsbewusste Gamo als ihr “Goldenes Zeitalter“ ansehen.

Heute gehört das Gamo-Hochland zur Region der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker (Southern Peoples, Nations and Nationalities/SPNN[3]).

Judith Olmstead, eine US-amerikanische Ethnologin, hat im Gamo-Hochland, insbesondere in Dorze und Dita ab den späten 1960er Jahren feldgeforscht. Daraus ist unter anderem ein wunderbares Buch über Chimate Chumbalo, eine in Dita ansässige, außergewöhnliche Gamo-Frau entstanden: Judith Olmstead, Woman between Two Worlds. Portrait of an Ethiopian Rural Leader, Urbana and Chicago (University of Illinois Press) 1997.

 [4]

Dita liegt nur etwa 10 km westlich von Dorze, jedoch unterscheiden sich die beiden deutlich. In Dorze dominiert das Weben, in Dita die Landwirtschaft, die intensiv in Terrassenfeldbau betrieben wird. Die BewohnerInnen Dorzes waren seit jeher “weltoffener“, zogen sie doch auch schon in früheren Jahrhunderten durch die Lande und verdingten sich als Weber (traditionell ist das Spinnen Frauen-, das Weben Männerarbeit). Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts die Eingliederung des Gando-Hochlands in die Moderne erzwungen worden war, reisten die Dorze-Weber auch häufig in die Hauptstadt des äthiopischen Reiches – dass die Hauptstadt in den 1880er Jahren in den Süden des Amhara-Gebietes verlegt wurde, 1886 nach Addis Abeba[5], hat mit der Expansion des Reiches in den Süden zu tun.

 [6]

Von Dita habe ich leider keine Bilder gefunden. Für Judith Olmsteads schöne Schwarz-weiß-Fotos habe ich die Rechte nicht. Sie zeigen Chimate Chumbalo und andere meist in weiße Überwürfe gehüllt, Buluko genannt. Auch dafür muss ich leider auf das Buch verweisen[7].

 [8]

Außergewöhnlich an Chimate Chumbalo – 1910 geboren, 1985 gestorben – war, dass sie in der Politik des Gamo-Hochlandes mitmischte – ein Bereich, den das Patriarchat dort eigentlich den Männern vorbehält.

Die Macht, die sie über Jahrzehnte im lokalen Bereich ausübte, war eine spezielle – sie war Mittlerin, Mediatorin, nicht Herrscherin. Dass sie einer hochrangigen Familie entstammte[9], war in der sehr hierarchischen Gamo-Gesellschaft zweifellos ein großes Atout. Dann wurde sie im Alter von 13 mit dem Sohn und Thronfolger des Königs von Dita verheiratet. Mit 18 gebar sie ein erstes Kind, einen Sohn – sieben Kinder gebar sie, zwei ihrer Töchter und drei ihrer Söhne überlebten Kindheit und Jugend. Masa Mijola, ihr Mann – sie spricht von ihm als von ihrem “Meister“ (“my master“) – wurde von den italienischen Kolonialherren[10] 1939 (der genaue Zeitpunkt ist offenbar nicht bekannt, nicht einmal das Jahr ist sicher) umgebracht, da war sie 29. Zu Lebzeiten ihres Mannes hatte ihr dieser auf ihr Verlangen hin immer wieder Aufgaben anvertraut, die eindeutig als Männerdomäne definiert waren. Begonnen hatte es mit der Beaufsichtigung der Männer, die für Masa Mijola auf dessen Feldern arbeiteten. Chimate (das “e“ am Schluss wird ausgesprochen) hatte zu viel Energie, war zu dynamisch, um sich mit einem Leben zu begnügen, das der traditionellen Frauenrolle entsprach.

Der Tod Masa Mijolas bedeutet zunächst einen Rückschlag für seine junge Frau. Doch 1942 wird ihr ältester Sohn Amano in Nachfolge seines Vaters zum Balabat erkoren, im äthiopischen Reich ein Titel eines lokalen Führers, der für Addis Abeba die Steuern eintreibt, Arbeitsdienste organisiert und Streit schlichtet oder an die Gerichte verweist.

[11]

Amano war zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt. Stellvertretend für ihn wurde seine Mutter – selbst erst 32 Jahre jung – zur amtierenden[12] Balabat. Abgesehen von kurzen Unterbrechungen hat sie diese Funktion mehr als drei Jahrzehnte ausgeübt, bis die Balabat Mitte der 1970er Jahre von der revolutionären Derg-Regierung abgeschafft wurden. Nach Amanos frühem Tod als Mitt-Dreißiger hat sie dessen Sohn – also ihren Enkel – Wombara vertreten.

Ganz offensichtlich hat sie ihre Sache sehr gut gemacht.

Die Rolle der Balabat ist keine leichte, sind diese doch einerseits der lokalen Gemeinschaft, der sie entstammen, verantwortlich, andererseits aber dem Zentralstaat. Sie sind beständig in Gefahr, “zwischen die Fronten“ zu geraten. Wir haben es mit einem typischen Fall von indirekter Herrschaft zu tun – da sie zum Inbegriff des britischen Kolonialherrschaftsmodells geworden ist, wird auch im Deutschen oft der englische Ausdruck “indirect rule“ bemüht. Als Standardwerk zu dem Thema gilt Frederick Lugards 1922 veröffentlichtes Buch “The Dual Mandate in British Tropical Africa“, das auf seinen Erfahrungen als Hochkommissar, später Gouverneur und schließlich Generalgouverneur in Nigeria beruhte.

Doch zu dem Zeitpunkt war das Balabat-System im äthiopischen Reich längst in vollem Schwung. Und überhaupt ist die alleinige Zuordnung dieses Systems der Herrschaft über ein fremdes Land zum britischen Kolonialreich falsch. Andere europäische Kolonialmächte, z.B. Frankreich, haben ebenso regiert, auch wenn sie es vielleicht nicht so laut hinausposaunt haben. Zudem und vor allem ist das System aber nicht von den britischen Kolonialherren erfunden worden, es ist viel älter. Das alte römische Reich bediente sich zum Beispiel seiner.

[13]

Direkte Herrschaft kostet viel mehr und braucht sehr viel mehr Kolonialherren-Personal als indirekte Herrschaft.

Auch die Theorie ist nicht neu – Judith Olmstead berichtet in ihrem Buch davon, wie begeistert Chimate war, als sie ihr entsprechende Stellen aus Machiavellis “Der Fürst“ vorlas[14].

Chimate stammte zwar aus der Oberschicht, war jedoch sehr fest in ihrer lokalen Gemeinschaft verankert. Sie verstand zwar Amhara, die offizielle Sprache des äthiopischen Reiches und seines Verwaltungsapparates, sprach es aber nicht, sondern bediente sich eines Dolmetschers oder einer Dolmetscherin, wenn es nötig war. Sie war auch des Lesens und Schreibens nicht kundig, auch das ließ sie von HelferInnen erledigen. Unterschrieben wurde generell mit Fingerabdruck.

[15]

Als Frau war Chimate für die Rolle der Mittlerin doppelt prädestiniert: Zum einen konnte sie sich nicht an der Macht festklammern, denn offiziell hatte sie diese Macht nie. Und zum anderen entsprach die Mediation, das Vermitteln zwischen verschiedenen, oft sogar konträren Interessen der weiblichen Sozialisation sehr viel mehr als der männlichen.

Judith Olmsteads sehr sorgfältiges Buch mischt wörtlich wiedergegebene Erzählungen Chimates mit Olmsteads eigenen Hintergrundinformationen und Erklärungen. Ich kann es Englisch-LeserInnen nur wärmstens empfehlen, auch wenn die lokalpolitische Welt des Gamo-Hochlandes mit ihren ewigen Auf-und-Abs nichts für mich wäre.

Judith Olmstead hat die Begegnung mit Chimate Chumbalo nachhaltig beeinflusst. Sie hat sich aus academia (der Welt universitärer Forschung und Lehre) schließlich zurückgezogen und ist dem Beispiel ihrer deutlich älteren Freundin folgend bei sich daheim in den USA Mediatorin geworden.

* * *

Endnoten:

[1] Foto Richard Mortel 7.7.2016, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dorze_huts_(2)_(28849409380).jpg.

[2] Petra Radeschnig gilt – wie stets – mein herzlicher Dank fürs Lektorieren!

[3] Von der sich 2020 nach einem Referendum Sidama abspaltete und nunmehr eine eigene kleine Region ist.

[4] Foto Richard Mortel 7.7.2016, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Inside_a_Dorze_hut_(3)_(28513375984).jpg

[5] Es war die Frau Meneliks II, die einen Aufenthalt ihres Gatten anderswo im Reich nutzte, um im November 1886 von Entoto (unweit von Addis, noch höher gelegen) nach Addis zu übersiedeln. Nach seiner Rückkehr war Menelik offenbar einverstanden. Addis Abeba, “Neue Blume“, heißt die Stadt seit 1892.

[6] Blick vom Gamo-Hochland auf den Chamo-See im Grabenbruch, an dem Arba Minch liegt, lange Zeit Hauptstadt des Distrikts, zu dem das Gamo-Hochland gehörte. Foto Richard Mortel 7.7.2016, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:View_towards_Lake_Chamo_from_the_Paradise_Lodge_at_Arba_Minch_(32)_(28861155720).jpg?uselang=de.

[7] Das Buch-Cover – im Vordergrund Chimate Chumbalo – ist zu sehen auf https://www.amazon.com/Woman-between-Two-Worlds-Ethiopian/dp/0252065875 (Cover zum Vergrößern anklicken).

[8] Frau in Dorze, Foto Rod Waddington 16.11.2012, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spinning,_Dorse_Tribe,_Ethiopia_(8190603206).jpg.

[9] In den höheren Bereichen wurde nicht in unmittelbarer Nähe geheiratet – sie stammt aus Tsela, 5 Stunden auf Maultier-Rücken von Dita weg.

[10] Anders als generell dargestellt, war Äthiopien sehr wohl – wenn auch nur sehr kurz, von 1935/36 bis 1941 – Kolonie, eben Italiens.

[11] Frauen am Markt von Chencha, einem Dorf nördlich von Dorze, Foto Jean-Yves Minaud, 2.8.2014, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marchandes_sur_le_march%C3%A9_de_Chencha.JPG.

[12] Äthiopien hat auch auf allerhöchster Ebene mächtige Regentinnen gekannt. Kaiserin Zauditu, die Vorläuferin Haile Selassies, kommt kurz und mit zwei Bildern vor in Günther Lanier, Römische Wiederbetätigung? Anno dazumal fand in Abessinien ein Probelauf für den Zweiten Weltkrieg statt, Ouagadougou (Africa Libre) 3.1.2018, https://www.africalibre.net/artikel/347-romische-wiederbetatigung-oder-anno-dazumal-fand-in-abessinien-ein-probelauf-fur-den-zweiten-welt, ursprünglich veröffentlicht auf Radio Afrika TV (3.1.2018).

[13] Bei Dorze, Foto Richard Mortel 7.7.2016, leicht überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dorze_landscape_(1)_(29059235731).jpg.

[14] Judith Olmstead, Woman between Two Worlds. Portrait of an Ethiopian Rural Leader, Urbana and Chicago (University of Illinois Press) 1997, pp.191f sowie p.221.

[15] Foto Richard Mortel 7.7.2016, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dorze_hut_(1)_(29137471345).jpg.

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