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Fünf Arien auf dem Weg zu einer Oper. Eine japanisch-burkinische Koproduktion

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Günther Lanier, Ouagadougou, 27.1.2021

Es war vergangenen Freitag, den 22. Jänner 2021, um 8h abends im Garten des Goethe-Instituts[1], das seit nunmehr über zehn Jahren die Kulturszene von Ouagadougou bereichert[2]. Keiko Fujiie und drei burkinische Musiker gaben ein Konzert: Sie stellten fünf Lieder vor: eine erste Etappe eines musikalischen Projektes, dessen Endergebnis eine Oper sein wird. Die Uraufführung soll in etwa zwei Jahren stattfinden.

Wie Kreatives so oft, verdankt auch dieses Projekt seine Entstehung einem Zufall. Bei einer Veranstaltung in Berlin Anfang 2019 traf die renommierte japanische Komponistin Keiko Fujiie[3] den nicht minder renommierten burkinischen Architekten Francis Kéré – sie waren damals die einzigen Nicht-Deutschen in der Runde. Bis dahin war Burkina Faso für Keiko Fujiie terra incognita.

Der mittlerweile weltweit tätige, in Deutschland zum Architekten ausgebildete und dort auch lebende, an deutschen und US-amerikanischen Universitäten unterrichtende Francis Kéré[4] hat unter anderem für Burkina ein Operndorf entworfen. Beziehungsweise für Christoph Schlingensief: Der auch in Wien bekannte Theater- und Opernregisseur hatte Laongo, ein kleines Dorf 30 km östlich von Ouagadougou, für sein letztes großes Projekt einer “afrikanischen Oper“ ausgesucht, als er bereits wusste, dass er sterbenskrank war. Den Beginn der Umsetzung erlebte er noch – und er hatte vor seinem Tod im August 2010 noch Zeit, die Prioritäten für sein “village opéra“ zu adjustieren. Ihm war bewusst geworden, dass die Volksschule (mit Zusatzunterricht in musischen Fächern) und das Gesundheitszentrum ungleich wichtiger waren und sind als ein Aufführungsort für Opern, so schön dessen spiralförmiger Entwurf auch ist. Bis zum heutigen Tag haben die von Schlingensief gegründeten gemeinnützige GesmbH und gemeinnützige Stiftung Operndorf Afrika[5] das Operngebäude selbst noch nicht errichten können[6], auch wenn die Hoffnung nicht aufgegeben wurde – das bisher vorhandene Geld wurde sinnvollerweise in den Bau des Gesundheitszentrums und der Schule investiert.

Keiko Fujiie erzählte ihrem neuen Bekannten Francis Kéré von ihrem Projekt einer Oper[7] und dieser erzählte ihr daraufhin natürlich von seinem und Schlingensiefs Operndorf. Und er lud sie nach Burkina ein. Wenige Monate später, im Juli 2019, landete die Komponistin in Ouagadougou. Ihren ersten Aufenthalt verbrachte sie hauptsächlich in Gando, bei der Familie Franics Kérés, in dem Dorf, wo der Architekt aufgewachsen war.

Zur Regenzeit in einem kleinen Dorf mehr als hundert Kilometer von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt – es war ein mutiger Einstieg ins unbekannte Schwarzafrika… Doch Keiko Fujiie kam wieder, mehrmals, verbrachte die Corona-Zeit der gesperrten Luft- und Landgrenzen mit uns. Und sie wird noch mehrmals wiederkommen – zumindest bis ihre Oper fertig sein wird.

Es war also angerichtet letzten Freitag im Goethe-Institut in Ouagadougous Zentrum gegenüber dem Haupteingang der Universität. Die Bühne befand sich an der Schmalseite und teilweise über dem Swimmingpool. Die Leinwand dahinter diente immer wieder der Projektion von Fotos und Videosequenzen Hervé Humberts[8], einem französischen Künstler mit Hauptwohnsitz in Berlin. Auch ihn lässt Burkina nicht mehr los, seit er 2019 artist in residence im Operndorf war.

Sowohl auf dem Bild oberhalb als auch auf dem unterhalb ist übrigens der einst heilige, jetzt geschützte Kou-Wald aus der Umgebung von Bobo-Dioulasso zu sehen, mit dem ich meinen Radio Afrika-Artikel vom 4. November 2020 beschloss[9].

Keiko Fujiie ist überaus sprachbegabt. Als sie nach Burkina kam, beschloss sie, kein Französisch zu lernen. Ein wunderbarer Trick, um sich das Erlernen der einheimischen Sprachen zu erleichtern, hatten die Leute doch keine andere Wahl (Englisch sprechen in Burkina auch Intellektuelle nur äußerst ungern), als sich mit ihr auf Mooré, Dioula, Fulfuldé, Bissa, Bwamu[10]… zu unterhalten. Ich habe sie Mooré und Dioula reden (und singen) gehört – sie verständigt sich beneidenswert flüssig.

Und sie schwindelt: Nicht nur singt sie teilweise auf Französisch und das durchaus verständlich, auch in ihr Englisch mischt sie manch französischen Ausdruck. Doch gegenüber den Burkinabè hält sie die Fiktion aufrecht, dass sie die Sprache der einstigen Kolonialherren nicht beherrscht.

Dem Libretto für Keiko Fujiies Oper liegt ein Roman des in Burkina lebenden Kongolesen Moyi Mbourangon zugrunde. Die Darbietung letzten Freitag begann mit der durch kollektives Trommeln begleiteten Lektüre des ersten Kapitels seines Romans durch den Autor selbst. Glücklicherweise müssen Libretti aus der Natur der Sache heraus Texte verdichten.

Den fünf dann folgenden Liedern dienten des Romans sehnsuchtsvolle Gedicht-Briefe an die Mutter als textliche Grundlage. Immer wieder erklingt ein beschwörendes “mère!

Die fünf Lieder gibt es als CD: “L’Aube d’un avenir avorté…“, der Beginn oder die Morgendämmerung einer abgetriebenen Zukunft – nicht gerade ein optimistischer Titel.

Die Gruppe besteht aus:

  • Maboudou Sanou, Lead-Sänger, Flötist, Bendré[11]-, Tamani[12]– und N’goni[13]-Spieler;
  • Ibrahim Dembélé, er spielt Tamani, Ruudga[14] und Kaniya[15] und singt;
  • Boureima Sanou, Balafon, Tam-tam, Gesang;
  • Keiko Fujiie, Keyboards, Bendré, Gesang.

Musik zu erzählen ist unmöglich. Einen Auszug aus der CD bietet Youtube, 12 Minuten und 13 Sekunden lang, auf https://www.youtube.com/watch?v=SH2VduBaZNk.

Die Lieder-Texte kreisen um die Mutter, sind an sie gerichtet. Die allen Gruppenmitgliedern bestens bekannte Mutter des Balafonisten Boureima Sanou war am Freitag zu Mittag gestorben. Den MusikerInnen wurde das erst nach vollbrachter Arbeit mitgeteilt, um das Konzert nicht zu beeinträchtigen. Nur der Sohn selbst wusste es schon vorher. Bewundernswert, dass – und wie – er trotzdem spielte: mit höchster Präzision, immer wieder in perfekter Zwiesprache insbesondere mit den Tasten Keikos.

Möge Boureimas Mutter in Frieden ruhen, möge ihr die Erde leicht sein!

Und dem Opernprojekt und ganz besonders Keiko Fujiie für die Fertigstellung ihres Werkes toi, toi, toi!

***

Endnoten:

[1] Die Fotos zu diesem Artikel habe ich alle am Abend des 22.1.2021 beim Konzert gemacht. Bitte die mangelnde Qualität zu entschuldigen – mein Handy fotografiert nur ungern in der Dunkelheit.

[2] Eröffnet wurde das hiesige Goethe-Institut im Juli 2008 von Gründer-Direktor Peter Stepan, der Burkina Faso bis heute tief verbunden ist. Er ist einer der wenigen Expat-Intellektuellen, die in Burkina ansässig sind. Im Winter 2019 ist von ihm im Lettre International 127 ein großer Artikel erschienen: “Senegalschützen. Zur verdrängten Geschichte von Frankreichs kolonialer Expansion“, pp.56-69.

[3] Siehe https://www.keiko-fujiie.com/ und https://en.wikipedia.org/wiki/Keiko_Fujiie.

[4] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Di%C3%A9b%C3%A9do_Francis_K%C3%A9r%C3%A9 bzw., viel ausführlicher, https://fr.wikipedia.org/wiki/Di%C3%A9b%C3%A9do_Francis_K%C3%A9r%C3%A9 sowie https://www.kerearchitecture.com/.

[5] Siehe https://www.operndorf-afrika.com und insbesondere https://www.operndorf-afrika.com/ueber-uns/ueber-uns/.

[6] Open air-Veranstaltungen können ja trotzdem stattfinden.

[7] Auch wenn sie in erster Linie für Gitarren-Kompositionen bekannt ist, so war sie im Opern-Genre alles andere als unerfahren, hatte 1996 für ihre Monolog-Oper Nina de Cera die Kenzo Nakajima-Auszeichnung erhalten. Ihre Oper A Vermilion Calm for countertenor, alto, male choir, guitar, cello, shakuhachi, piano aus 2018 ist auf Youtube seh- und hörbar: https://www.youtube.com/watch?v=iqVCBVXJgZk&feature=youtu.be. Ebenfalls 2018 sah Jacob’s Well for soprano, tenor, baritone, mixed choir accompanied by string quartet, double bass, guitar, percussion das Licht der Welt.

[8] Siehe http://hervehumbert.com/.

[9] Günther Lanier, Unterwegs in einem Sahel jenseits des Gewohnten. Koro. Dafra. Kou, Radio Afrika TV 4.11.2020, https://radioafrika.net/2020/11/04/unterwegs-in-einem-sahel-jenseits-des-gewohnten-koro-dafra-kou/.

[10] Mooré ist die Sprache der Mossi, die ungefähr die Hälfte der Burkinabè stellen und deren traditionelles Siedlungsgebiet das Zentralplateau rund um Ouagadougou ist. Dioula ist die Verkehrssprache im Westen des Landes, eine Form des in Mali dominanten Bambara, die auch in der Nordhälfte der Côte d’Ivoire gesprochen wird. Fulfuldé ist die Sprache der Peulh, einst nomadische ViehzüchterInnen, die in der Region Sahel konzentriert, aber auch über ganz Burkina verstreut leben. Francis Kéré ist Bissa – diese leben vor allem in der Gegend östlich und südöstlich von Tenkodogo. Bwamu ist die Sprache der Bwaba, deren ursprüngliches Siedlungsgebiet im Nordwesten Burkinas liegt. In Ouagadougou ist Keiko Fujiie bei Bwaba-Musikern (Griots) untergekommen.

[11] Aus einer großen Kalebasse hergestellte Trommel.

[12] Eine “sprechende Trommel“, die unter die Achsel geklemmt und mit einem kleinen, am Ende verdickten Stock gespielt wird.

[13] Saiteninstrument, mehrsaitig.

[14] Eine Art Geige, einsaitig.

[15] Ich habe nicht ergründen können, um welches Instrument es sich hierbei handelt.

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