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Die Eroberung der Kora, Bollwerk des Patriarchats

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Foto: Sona Jobarteh bei einer Veranstaltung der Welthandelsorganisation 2017[1]

* * *

Günther Lanier, Ouagadougou 9.3.2022[2]

* * *

Noch reicht ihr Ruhm nicht an den ihres Cousins Toumani Diabaté[2a] heran.

Doch wie die Überschrift meines Artikels verrät, geht es nicht um Ruhm. Gestern war internationaler Frauentag und ich will eine erste, schon breitenwirksame Feminisierung der Kora feiern – bisher galt die Kora in Westafrika als uneinnehmbare Bastion der Männer.

Sona Jobarteh spielt Kora, singt, tritt mir ihren MusikerInnen international auf. Vielleicht wollen Sie ihre Tradition mit Moderne versetzende Musik hören, bevor Sie hier weiterlesen? Sie ist am Netz sehr präsent. Zum Beispiel gibt es auf https://www.youtube.com/watch?v=hlK7eGsAu84 ein 12’49’’ dauerndes Video von einer Darbietung von “Bannaya“ in Weimar 2015, wo sie auf Einladung der Transcultural Music Studies-Fakultät an der Franz Liszt-Hochschule für Musik mit ihrer Band gastierte[3].

 [4]

Koras sind beidhändig gezupfte westafrikanische Stegharfen, auch Harfenlauten genannt. Unter den Griots – den westafrikanischen Troubadouren – der Mandingo[5] wird ihre Nutzung vom Vater auf den Sohn vererbt.

Sona Jobarteh entstammt väterlicherseits (die Mutter, Galina Chester, ist eine britische Malerin, Schriftstellerin und Filmemacherin[6]) einer gambischen Griot-Familie, die ihre Ursprünge über zahllose Generationen in die Vergangenheit verfolgen kann. Das Aufbewahren von Genealogien ist schließlich die Hauptaufgabe der Griots. Ursprünglich kamen die Jobartehs aus dem heutigen Mali – es war Sonas Urgroßvater Bansang Jobarteh, der ins heutige Gambia auswanderte.


Kora-Spieler, so wie wir sie gewohnt sind: vor allem männlich[7]

Sona Jobarteh wurde 1983 in London geboren. Mit drei Jahren begann sie, das Kora-Spielen zu lernen. Zuerst von ihrem Halbbruder Tunde Jegede[8], dann von ihrem Vater Sanjally Jobarteh. Was die Musikaufteilung nach Geschlechtern betrifft, ließ dieser sich von traditionellen Zwängen nicht unterkriegen: Interessierte sich eines seiner Kinder für das Kora-Spielen, brachte er es ihm bei, auch wenn es allen Griot-Regeln zum Trotz ein Mädchen war[9].

Im Alter von vier Jahren soll sie erstmals öffentlich aufgetreten sein, im Londoner Jazz Café[10]. Als Teenagerin hat sie an der Purcell School of Music klassische Komposition und am Londoner Royal College of Music Cello, Klavier und Cembalo studiert[11]. Und sie erregte schnell internationale Aufmerksamkeit. 2002, da war sie um die 19, soll sie z.B. an der Seite des britischen Jazz-Vokalisten Cleveland Watkiss in Wien aufgetreten sein[12]. Heute blickt die etwa 39-Jährige schon auf eine lange und erfolgreiche internationale Karriere zurück.

 [13]

Ein Jahr bevor dieses Foto aufgenommen wurde, also 2015, gründete Sona Jobarteh die Gambia Academy, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jungen AfrikanerInnen neben der üblichen, von der Satten Welt inspirierten akademischen Ausbildung auch die Kultur, Geschichte und Traditionen von daheim zu vermitteln[14].

Mit zuerst 21 handverlesenen SchülerInnen – hunderte hatten sich beworben – entwickelte sie in den folgenden Jahren einen Lehrplan, in dessen Zentrum die Schülerinnen selbst mit ihrer kulturellen Identität und ihren eigenen Wertvorstellungen stehen. Sie, die beide – vielleicht sind es ja auch mehr als zwei – Welten kennt[15], will die postkoloniale Ordnung transzendieren. Selbstwert, Empowerment, soziale Verantwortung sind ihr die wichtigsten zu verwirklichenden Werte.

Einige der Mädchen unter den SchülerInnen der Gambia Academy lernen Kora spielen. Das ist keiner besonderen Erwähnung wert, es ist selbstverständlich. Schließlich ist es höchste Zeit, dass Sona Jobarteh nicht die einzige berühmte Kora-Spielerin bleibt.

 [16]

In Wirklichkeit handelt es sich bei der Feminisierung der Kora um eine Wiederaneignung. Die Griots hatten sie usurpiert und dann lange Jahrhunderte für sich reserviert. Mit Sona Jobarteh ist sie wieder in den Händen des ihr entsprechenden Geschlechts zurückgekehrt.

Guinê, eine Geisterfrau, “die das Geheimnis der Steine besaß”, liebte es einst, die Kora in den frühen Morgenstunden vor dem Eingang ihrer Höhle in Kansala in der Nähe des Gambia-Flusses zu spielen. Dabei hörte sie der Feldherr Tira Maghan[17] und die Töne des Instruments hatten eine so starke Wirkung auf ihn, dass er beschloss, es ihr zu rauben. So kam er mit Jagdkumpanen wieder, darunter Wally Kelendjan, Djelimaly Oulé Diabaté und drei Koné-Jägern. Gemeinsam gelang es ihnen, die Geisterfrau gefangenzunehmen und ihr die Kora wegzunehmen. Tira Maghan heiratete Guinê, das Instrument aber überließ er Djelimaly Oulé Diabaté, der es später seinem Sohn Kanba vermachte. Und so weiter und so fort, stets vom Vater auf den Sohn – bis dann gegen Ende des 20. Jahrhunderts Sanjally Jobarteh es wagte, aus den überkommenen ehernen Traditionen auszubrechen, von denen viel zu viele noch heute Frauen an ihrer Entfaltung hindern.

Auch wenn ich einen Tag zu spät dran bin: Schönen Frauentag, Sona Jobarteh! Weiter viel Erfolg!

* * *

Endnoten:

[1] Foto 11.7.2017 aus WTO Aid for Trade Global Review 2017 photo gallery, © WTO/Jay Louvion, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aid_for_Trade_Global_Review_2017_%E2%80%93_Day_1_(35705509122).jpg?uselang=de.

[2] Petra Radeschnig gilt – wie stets – mein herzlicher Dank fürs Lektorieren!

[2a] 1965 in Mali geboren, wurde er mit dem 1987 aufgenommenen Solo-Album “Kaira“ bekannt.

[3] Etwas über eine Stunde lang ist das Video vom selben Konzert auf https://www.youtube.com/watch?v=Ig91Z0-rBfo. Informationen zu den Transcultural Music Studies an der Franz Liszt-Hochschule in Weimar sind zu finden auf https://www.hfm-weimar.de/transcultural-music-studies/transcultural-music-studies/.

[4] Kora; Inventarnummer A-11006 der Sammlung der Stiftung des Weltkulturenmuseums; vor 1920; keine weiteren Angaben; überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:COLLECTIE_TROPENMUSEUM_Harp-luit_TMnr_A-11006.jpg?uselang=de.

[5] Mandingo (auch Mandinko oder Mandinka) leben vor allem in Gambia, Guinea, Senegal und Mali, in geringerer Zahl in Guinea-Bissau, Sierra Leone und Burkina Faso. Kunta Kinteh – Alex Haleys Urahn im Roman “Wurzeln“ – die heute nach ihm benannte Insel in Gambia spielte im meinem vorwöchigen Artikel eine wichtige Rolle – gehörte zu den Mandingo.

[6] Für eine Kurz-Biographie und einen kurzen, knapp 1 Minute dauernden Kurzfilm siehe http://www.xiomproductions.org/Xiom_Films/Galina_Chester.html.

[7] Der senegalesische Juwelier Gallo Thiam mit zwei Kora-Spielern, im Juli 1900 im Figaro illustré abgebildet, FotografIn unbekannt, Nr.832886 der digitalen Bibliothek der New York Public Library, überarbeitet GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bijoutier_et_joueurs_de_kora.jpg?uselang=de.

[8] Tunde Jegede ist ein 1972 geborener Komponist und Multi-Instrumentalist, er macht zeitgenössisch-klassische, afrikanische und Pop-Musik. Sein Vater war Nigerianer. Die Kora lernte er bei Sonas Großvater Amadu Bansang Jobarteh in Gambia.

[9] Siehe Milan Berckmans, Gambie: Sona Jobarteh, femme koriste d’exception, RFI 4.3.2022 um 08:49/08:51, https://www.rfi.fr/fr/afrique/20220304-gambie-sona-jobarteh-femme-koriste-d-exception.

[10] Siehe Kalamu ya Salaam, The Sona Jobarteh Mixtape, The New Black Magazine 20.4.2011, http://www.thenewblackmagazine.com/view.aspx?index=2614.

[11] Zu ihrer Biographie siehe insbesondere auf ihrer Webseite https://sonajobarteh.com/biography.

[12] Dass ich nicht draufgekommen bin, wo das war, lässt mich an der Wahrheit dieser Info allerdings zweifeln – dass sie es tat, wird hingegen in mehreren Quellen erwähnt.

[13] Sona Jobarteh am 13.8.2016 beim Open-Air-Konzert im Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal, Foto Atamari, zugeschnitten GL, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2016-08-13_Sona_Jobarteh_055.jpg.

[14] Hierzu und auch für den folgenden Absatz siehe das diesbezügliche Kapitel auf Sona Jobartehs eigener Webseite: https://sonajobarteh.com/the-gambia-academy.

[15] Aufgewachsen ist sie in Gambia, Großbritannien und Norwegen.

[16] Sona Jobarteh beim Stimmen ihrer Kora bei derselben Veranstaltung der Welthandelsorganisation 2017 wie auf dem 1. Photo dieses Artikels. Foto 11.7.2017 aus WTO Aid for Trade Global Review 2017 photo gallery, © WTO/Jay Louvion, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aid_for_Trade_Global_Review_2017_%E2%80%93_Day_1_Sona_Jobarteh_tuning_kora.jpg?uselang=de.

[17] Auch Tiramakhan Traore, 13. Jahrhundert, ein Feldherr Soundiata Keitas. Es gibt verschiedenen Versionen dieser Geschichte. Ich folge Daffé Seydou Madany, Toumani Diabaté et sa cora: de la mémoire à la terre, de la généalogie à la métamorphose, ursprünglich publiziert in der Zeitschrift Tapama Nr.2 aus 1997, pp.42-45 (Editions Donniya, Bamako), reproduziert auf https://motspluriels.arts.uwa.edu.au/MP1299dsm.html.

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